SCRUPUS

04 03 2024 poster scrupus

EINLEITUNG

SCRUPUS hat angefangen eine interdisziplinär angelegte Recherche. Darin betreibe ich künstlerische und technische Methodenforschung und

SCRUPUS hat angefangen eine interdisziplinär angelegte Recherche. Darin betreibe ich künstlerische und technische Methodenforschung und untersuche die Möglichkeiten der Interaktion von Tanz, Film und Architektur. In ihrer Begegnung suche ich nach den Bedingungen und Möglichkeiten der wechselseitigen Einwirkungen aufeinander mit dem Ziel, illusorische Effekte von Halt-und Schwerelosigkeit zu erzeugen. Im Experiment ergeben sich neue Möglichkeiten für Zeitlichkeit, Maßstab, Körper-Raum-Beziehung und Bewegungssequenzierung. Im Vorfeld erprobte ich Methoden der choreografischer Leitung für ortsbezogene Bewegungsrecherche mit meiner Tanzcrew Das Flavour sowie in einem Workshop mit Jugendlichen für die Spiilplätz des Jungen Theater Basels. Darauf folgen zwei Wochen mit je einer professionellen Tänzer*in (Sabri Colin, Lisa Horten) und dem Videographen Jelïn Nichele, in denen wir während der Nacht an vier Standorten in Basel und Umgebung filmen. Im Sinne einer ganzheitlichen Arbeitsweise werde ich im Prozess von zwei Mentor*Innen aus dem Bereich Tanz und Theater (Beatrice Goetz) sowie Architektur und Tanz (Nicolas Hünerwadel) begleitet.

webpage timoparis scrupus ©aaronjerman 33

TANZ
The dance research in SCRUPUS consists of the further development of a movement systematics with a focus on isolated movements and rotations around anchor points, based on the supporting and sustaining function of the body. The focus is on exploring choreographic possibilities and ways of working to elaborate a movement language that creates illusory effects of weightlessness and disorientation.

33 webpage timoparis scrupus ©mikeziegler

FILM
The medium of film finds its relevance in this research on the one hand as a documentary means, which makes a site-specific work accessible through time and space. On the other hand, it becomes an integral component for generating the desired illusion of weightlessness.

21 webpage timoparis scrupus ©mikeziegler

ARCHITEKTUR
With a focus on the direct 1:1 proportionality to the human body, architectural situations in urban space are sought whose characteristics serve as a starting point for the development of the movements. Through the expanded possibilities of supporting the body, they are intended to promote a formal abstraction and the play with gravity in dance.

EINLEITUNG

SCRUPUS hat angefangen eine interdisziplinär angelegte Recherche. Darin betreibe ich

künstlerische und technische Methodenforschung und untersuche die Möglichkeiten der Interaktion von Tanz, Film und Architektur. In ihrer Begegnung suche ich nach den Bedingungen und Möglichkeiten der wechselseitigen Einwirkungen aufeinander mit dem Ziel, illusorische Effekte von Halt-und Schwerelosigkeit zu erzeugen. Im Experiment ergeben sich neue Möglichkeiten für Zeitlichkeit, Maßstab, Körper-Raum-Beziehung und Bewegungssequenzierung. Im Vorfeld erprobte ich Methoden der choreografischer Leitung für ortsbezogene Bewegungsrecherche mit meiner Tanzcrew Das Flavour sowie in einem Workshop mit Jugendlichen für die Spiilplätz des Jungen Theater Basels. Darauf folgen zwei Wochen mit je einer professionellen Tänzer*in (Sabri Colin, Lisa Horten) und dem Videographen Jelïn Nichele, in denen wir während der Nacht an vier Standorten in Basel und Umgebung filmen. Im Sinne einer ganzheitlichen Arbeitsweise werde ich im Prozess von zwei Mentor*Innen aus dem Bereich Tanz und Theater (Beatrice Goetz) sowie Architektur und Tanz (Nicolas Hünerwadel) begleitet.

IDEE UND THEMA

Durch die Intellektualisierung von Kunst werden künstlerische Diskurse meist nur in einer Elite von Fachleuten verhandelt. Der Mehrheitsgesellschaft fehlt die Zugänglichkeit und bleibt davon ausgeschlossen. Um das Missverhältnis von Kunstwerk und Publikum nicht im Nachhinein

durch Vermittlungsangebote korrigieren zu müssen, muss bereits in der Konzeption und Umsetzung der Kunstwerke die Perspektive der Mehrheitsgesellschaft mitgedacht werden. Körperliche Erfahrungen als Basis einer universell menschlichen Wahrnehmung bieten Möglichkeiten, um über die Grenzen der intellektuellen Bildung hinweg zu kommunizieren.

KANDINSKY. Es ist der Inhalt jeder manieristischen Kunst geblieben. Die
Idea in der Idea, die absolute Idee in der geistigen Vorstellung bleibt
vom Geheimnis verhüllt. Nur ihr Wirken ahnt man: als wesende Magie.

Die Welt als Labyrinth – Gustav René Hocke

Das akademisierte Verständnis von Kunst zieht eine klare Grenze zwischen Kreation und Konsum. Es ordnet den Kunstschaffenden als kreatives Genie und das Publikum als passiven Konsumenten ein. Durch die körperlich erfahrbare Vermittlung von Schwindel und Orientierungsverlust durch visuelle Sprache werden diese traditionellen Kunstvorstellungen unterlaufen. Diese Gefühle bringen zugleich eine Dringlichkeit des Aktivwerdens mit sich und bilden die Grenze zur Surrealität. Bilder, in denen die allgemeingültigen Regeln der Schwerkraft im Widerspruch stehen zu scheinen, lösen bei Betrachter*innen Fragen aus. Z.B. ob die Person auf dem Kopf oder auf den Füssen steht und wo der Boden ist. Konsumenten werden dadurch in eine aktive Rolle gedrängt, da sie versuchen, das Rätsel zu lösen.

Die Faszination für das Surreale befähigt dazu, sich alternative Möglichkeiten unserer Realität vorzustellen. Das Eintreten in andere Welten treibt uns aus einer passiven in eine aktive Rolle, da automatisch mit der Vorstellungskraft gearbeitet werden muss und nicht auf bereits Vorgegebenes zurückgegriffen werden kann.

In einer Welt der Bilder hat der Körper als Objekt die Oberhand über den Körper als Subjekt gewonnen, der sich unserem Zugriff ständig entzieht. Da wir unseren eigenen Körper zunehmend über Bilder erkennen, erleiden wir eine Art Doppelblick.

Nathalie Herschdorfer – Body

Unser Selbstbild fügt sich aus dem Erlebenden Selbst und dem Narrativen Selbst zusammen. Das Erlebende Selbst setzt sich aus den unmittelbaren sinnlichen Erfahrungen zusammen, wohingegen sich das Narrative Selbst aus den Bildern und Geschichten, welche andere und wir selber über uns erzählen, zusammenfügt. Unser Selbstbild wird stärker von dem Narrativen Selbst beeinflusst als von dem Erlebenden Selbst. Dieser Umstand wird durch die zunehmende Digitalisierung verstärkt. Visuelle Erfahrungen verleiten uns dazu, vermehrt ins Analytische und Rationale überzugehen und drängt uns weg von körperlich sinnlichen Erfahrungen. Als Gegenpol zur Digitalisierung möchte ich nicht das Visuelle bekämpfen, sondern haptische Qualitäten im Sehsinn ausarbeiten.

Die Architektur ist unser primäres Instrument, um uns mit Raum und Zeit in Beziehung zu setzen und diesen Dimensionen ein menschliches Maß zu geben. Das Design der Moderne im Großen und Ganzen hat den Intellekt und das Auge beherbergt, hinterlässt jedoch den Körper und die anderen Sinne sowie unsere Erinnerungen, unsere Phantasie und unsere Träume obdachlos.

Die Architektur ist unser primäres Instrument, um uns mit Raum und Zeit in Beziehung zu setzen und diesen Dimensionen ein menschliches Maß zu geben. Das Design der Moderne im Großen und Ganzen hat den Intellekt und das Auge beherbergt, hinterlässt jedoch den Körper und die anderen Sinne sowie unsere Erinnerungen, unsere Phantasie und unsere Träume obdachlos.

Juhani Pallasmaa – the Eyes of the Skin

RELEVANZ

In der heutigen technologischen Welt scheinen wir eine Entfremdung und Einsamkeit zum eigenen Körper…

PERSÖNLICHE MOTIVATION

Seit dem Lockdown haben sich die Möglichkeiten für Battles (Wettkämpfe)* und Darbietungen minimiert. Mit der freien Zeit und der Entlastung vom Leistungs- und Produktionsdruck tauchte ich die letzten zwei Jahre tief in den kreativen Prozess ein. Die isolierte Praxis wurde für mich zur einzigen Möglichkeit, den Tanz auszudrücken, zu untersuchen und zu leben. Ich orientiere mich in meinem künstlerischen Schaffen, besonders in meiner Auseinandersetzung im Tanz, neu – weg von Battles hin zur Erprobung anderer Formate und Möglichkeiten, die Disziplinen zu verbinden, die ich seit Jahren praktiziere -. *essenzieller Bestandteil der Hip-Hop Kultur, bewertet nach tänzerischem Ausdruck, Originalität, Spontanität und Technik.

POLITISCHE RELEVANZ

Im Sinne der Nachhaltigkeit wird der lokale, öffentliche Raum als Ort des Geschehens genutzt. Wiederverwendung und Neusituierung von anderen bestehenden künstlerischen Arbeiten werden praktiziert. Mit der Entwicklung von Arbeitsmethoden, die sich den örtlichen Gegebenheiten anpassen können und universell einsetzbar sind, physisch wie digital, werden globale Entwicklungen anhand lokaler Mittel verhandelt. Es werden gleichzeitig sowohl ein lokales Publikum wie auch globales Publikum angesprochen. Das entspricht dem aktuellen Zeitgeist.

Mit SCRUPUS wird das akademisierte Werteverständnis, welche Kunst gute Kunst ist, in Frage gestellt. Die Grenzen zwischen Konsument und Produzent verschwimmen.

Mit mehrheitsgesellschaftlich-zugänglicher Kunst werden gesellschaftlichen Privilegs-Strukturen entgegengewirkt. Kunst ist so nicht mehr einer Bildungselite vorenthalten.

KÜNSTLERISCHE RELEVANZ

In der heutigen technologischen Welt scheinen wir eine Entfremdung und Einsamkeit zum eigenen Körper zu erfahren. Die Digitalisierung prägt die Kulturlandschaft und somit unser Kulturverständnis. Die in SCRUPUS entwickelte Methode geht auf dieses Kulturverständnis ein und kritisiert es zugleich.

Tanz als Disziplin mit dem Körper als Medium zelebriert die Verbindung des Menschen zu sich selbst. Mit der Ausarbeitung der haptischen Qualitäten im Sehsinn profitieren Konsumenten von der dem Tanz innenliegenden Verbindung zu sich selbst.

TEAM

Künstlerische Leitung, Regie | Timo Paris                                                                     

Kamera, Schnitt | Jelïn Nichele
Tanz, Choreografie | Lisa Horten, Sabri Colin, Das Flavour Crew, Timo Paris                 
Oeil Exterieur | Arlette Dellers
Sounddesign, Komposition | Janiv Oron
Musik, Komposition | Emiliano Mendez aka. El Jazzy Chavo
Cello | Miguel Angel
Geige | Juan Maria Braceras
Keyboard | Ian Caron
Onde Martenot| Ludovic van Hellemont
Mentorin Tanz | Béatrice Goetz
Mentor Architektur & Bühnenbild | Nicolas Hühnerwadel

KONZEPT

Die Recherche befasst sich mit drei Forschungsfeldern und deren Interaktion untereinander. In ihrer Begegnung suche ich

Das Rechercheprojekt SCRUPUS bietet die Voraussetzungen, um abseits von Produktionslogiken in einen interdisziplinären Arbeitsprozess einzutauchen. Die Recherche befasst sich mit drei Forschungsfeldern und deren Interaktion untereinander. In ihrer Begegnung suche ich nach den Bedingungen und Möglichkeiten der wechselseitigen Einwirkungen aufeinander mit dem Ziel, eine Illusion von Halt- und Schwerelosigkeit zu erzeugen. Diese erschliesst sich gleichermassen aus der Art der Bewegung sowie der präzise geführten Kameraperspektive. Die  Bewegungen für eine überzeugende Illusion sind technisch anspruchsvoll und fordern eine eigene Qualität, weshalb deren Entwicklung eine vertiefte Auseinandersetzung bedingen. Des weiteren beeinflusst der geführte Blick durch die Kamera die Wirkung der tänzerischen Bewegungen massgebend – über die Perspektive auf den Körper, den gewählten Ausschnitt sowie den Bewegungsablauf. Die Symbiose erfordert eine enge, prozesshafte Arbeitsweise, in welcher sich beide Medien gegenseitig beeinflussen und aufeinander abstimmen. Folgende Fragen strukturieren mein Vorhaben der Entwicklung einer künstlerischen Methode zur Interaktion von Tanz, Film und Architektur.

TANZ

Meine tänzerische Praxis basiert auf dem Tanzstil Breaking. Dabei geht es um ein fortwährendes Kreieren von Formen und dem Beschreiben von Volumen über Bewegung und Posen mit dem Körper unter präzisem Einsatz von Kraft, Beweglichkeit, Spannung, Rhythmik, Richtung, Form und Balance. Mit einem Fokus auf Isolationen und Rotationen um Ankerpunkte basieren die Bewegungen auf den Trag- und Stützfunktionen des Körpers. Diese Ansätze lassen sich auch im Yoga wieder finden. Konträr zu den dynamischen, explosiven und extrovertierten Aspekten im Breaking berufen die Posen zur Ruhe und Besinnung über das Zentrieren der Kräfte und dem Herstellen der Gleichgewichte, innerlich sowie im Bezug auf die Umwelt. Aus diesem Grund arbeite ich mit diesen beiden Techniken.

Meine Methode der Bewegungsentwicklung kann als Bildhauerei anhand eines zeitbedingten Mediums verstanden werden. Die Beine sind nicht mehr die Hauptträger des Körpers, wodurch im Gegensatz zu vielen anderen Tanztechniken die Vertikalität gebrochen wird. Das Spiel mit verschiedenen Körperachsen scheint die Gesetze der Schwerkraft für kurze Momente aufzuheben. Technisch anspruchsvolle Momente einer illusorischen Überwindung der Schwerkraft werden von authentischen tänzerischen Bewegungen ergänzt. Die erweiterten Möglichkeiten, den Körper abzustützen – über das Miteinbeziehen architektonischer Elemente wie Wände und Decken – bilden ein wesentliches Element des tänzerischen Forschungsgegenstands.

Des weiteren liegt der Schwerpunkt auf der Erkundung choreografischer Möglichkeiten und Arbeitsweisen zur Ausarbeitung einer Bewegungssprache, die illusorische Effekte der Halt- und Schwerelosigkeit erzeugen.

FILM

Das Medium Film ist ein integraler Bestandteil des Rechercheprozess, wird bewusst als Stilelement eingesetzt und der Autorenschaft hinzugezogen.

Der Film prägte seit seiner Entstehung unsere Wahrnehmung des Tanzes – mit all den Möglichkeiten für dessen Praxis und Präsentation. Die Betrachtung des Tanzes findet heutzutage vermehrt in digitaler Form statt, was sich durch die Situation der Pandemie verstärkt hat. Der Zugang wird niederschwelliger, der Prozess der Kuration transformiert sich, und Tanz erreicht ein größeres Publikum. Eingegliedert in diese Evolution findet das Medium Film in dieser Recherche seine Relevanz einerseits als dokumentarisches Mittel, welche ein ortsspezifisches Werk durch Zeit und Raum zugänglich macht. Andererseits wird es zum Integralen Bestandteil für das Generieren der erwünschten Illusion von Schwerelosigkeit, welche die Grenzen vom Körper auflöst und ihn mit dem Raum verschmelzen lässt.

Der Fokus in der technischen Recherche liegt dabei auf dem Spiel mit dem gelenkten Blick, grossen und kleinen Ausschnitten und den Perspektivenwechseln, wobei sich Wände zum Boden transformieren und Decken zu Wänden werden. Solch dynamische Perspektivenwechsel erfordern eine anspruchsvolle Kameraführung. Der Umgang mit dem Gimbal (Gerät zur externen Bildstabilisierung) muss für den Dialog mit dem Tanz erprobt und die technische Handhabung ausgebaut werden.

Das Sichten und Schneiden des Videomaterials ist ein integraler Bestandteil des Forschungsgegenstandes. Die Bilder werden auf die Illusion von Schwere- und Haltlosigkeit hin überprüft. Über die Sequenzierung von Bewegungen und Blickwinkeln werden neue Bezüge hergestellt und Narrationen entwickelt, die neue Räume eröffnen und unterschiedliche Realitäten ineinandergreifen lassen.

−       Wie ergänzen sich die Bewegung der tanzenden Personen mit der der Kamera?

−       Welche tänzerischen Adaptionen werden benötigt,  wenn der Tanz auf die Kameraführung ausgelegt wird?

−       Die filmischen Mittel befähigen uns dazu über den Blick, die Wände und Decken zu einem Boden zu transformieren. Wie passen wir die Bewegungen diesen Mitteln an?

the movements to these means?

ARCHITEKTUR

Inspiriert von einer Tanzkultur, die von der Strasse kommt, suche ich bewusst den Dialog mit der urbanen Umwelt. Die Architektur wird ausgesucht mit einem Fokus auf die direkte Proportionalität zum menschlichen Körper. Es werden Situationen gesucht, welche eine formale Abstraktion und das Spiel mit der Schwerkraft im Tanz begünstigen. Die örtlichen Gegebenheiten dienen der Weiterentwicklung der Bewegungssystematik. Die Methode löst sich von der klassischen Bühne als Präsentationsformat und sucht neue. Dabei steht die Entwicklung einer universell einsetzbaren Arbeitsmethode, um Tanz und Film den örtlichen Gegebenheiten anpassen zu können.