Wie entsteht ein Signature Move? Über Fehler, Transformation und Originalität im Breaking

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SIGNATURES

Wie entsteht eine Bewegung, die irgendwann unverkennbar mit einer bestimmten Person verbunden wird?

Die naheliegende Vorstellung wäre, dass ein Tänzer oder eine Tänzerin bewusst versucht, etwas Neues zu erfinden. Eine Bewegung wird entwickelt, perfektioniert und schließlich zum eigenen Signature Move. In den Gesprächen, die ich bisher im Rahmen von SIGNATURES geführt habe, zeigt sich jedoch ein wesentlich komplexeres Bild.

Signature Moves entstehen auf sehr unterschiedliche Weise. Manchmal beginnt ihre Geschichte mit einer konkreten Idee. Genauso gut kann ihr Ausgangspunkt aber ein Fehler, ein Sturz, eine bereits existierende Bewegung, eine kleine Verschiebung oder ein unerwarteter Moment innerhalb einer Improvisation sein.

Originalität erscheint dadurch weniger als einzelner Moment der Erfindung, sondern vielmehr als Prozess.

Wenn ein Fehler zur Form wird

Ein besonders prägnantes Beispiel dafür beschreibt Poe One anhand seines Air Chairs.

Die Bewegung entstand ursprünglich nicht als bewusst entworfener neuer Move. Poe One versuchte einen Captain Hook auf einem Teppich. Die Bewegung funktionierte jedoch nicht wie geplant: Statt über den Kopf weiterzugleiten, komprimierte sich sein Körper, die Beine gingen nach oben und er fiel.

Die Reaktion der Anwesenden ließ ihn aufhorchen. Sie hatten etwas in diesem Moment gesehen, das ihn selbst überraschte. Poe One begann daraufhin, die Position erneut zu untersuchen und entwickelte nach und nach die notwendige Kontrolle, um sie bewusst reproduzieren zu können.

Aus einem misslungenen Versuch wurde eine eigene Form.

Dabei entwickelte die Bewegung mit der Zeit nicht nur eine technische Präzision, sondern auch eine konkrete Vorstellung. Poe One beschreibt den Air Chair als „Cobra Attacking Eagle“. In seiner Imagination wird die Bewegung zu einer Kampfszene: Die Kobra richtet sich auf, fixiert den Gegner und schlägt in Richtung seines Halses.

Auch die Handhaltung, der Blick und der Moment nach dem Angriff gehören für ihn zu dieser Vorstellung. Nach dem Schlag sinkt er zurück zum Boden und hält einen kurzen Moment inne – als würde er darauf warten, dass das Gift wirkt.

Was äußerlich als Freeze gelesen werden könnte, besitzt für ihn also eine innere Handlung und eine spezifische Intention.

Der ursprüngliche Fehler war damit nur der Ausgangspunkt. Erst durch Wiederholung, Kontrolle, Stil, Musikalität und die Entwicklung einer eigenen Vorstellung wurde aus dem zufälligen Moment eine Bewegung mit wiedererkennbarem Charakter.

Crash and Create

Auch Bruce Wayne beschreibt einen ähnlichen Vorgang – und bei ihm lässt sich der Moment der Entstehung sogar an einem konkreten Battle festmachen.

Beim «Soul on Top», einem Crewbattle in Basel, entstand eine von Bruce Waynes Signatures aus einem tatsächlichen «Fehler». Während seines Runs führte er eine Bewegung aus, die er im Gespräch als «la baguette» bezeichnet. Dabei verlor er die Kontrolle, fiel nach hinten und kam unmittelbar wieder in die Bewegung zurück.

Bruce erinnert sich:

«J’ai fait baguette, je suis tombé et je suis remonté.»
(«Ich machte die Baguette-Bewegung, fiel und kam wieder hoch.»)

Die Reaktion seiner Crew war unmittelbar. In der Finalrunde hörte er alle aufschreien. Für Bruce ist genau dieser Moment eines der deutlichsten Beispiele für sein Prinzip «Crash and Create»: Eine Bewegung entsteht nicht trotz des Fehlers, sondern aus ihm heraus.

Nach dem Battle fragte ihn sein Crewmitglied Yung, ob der Sturz Absicht gewesen sei. Bruce verneinte. Darauf antwortete Yung:

«Mais vas-y, garde-le.»
(«Komm, behalt ihn.»)

Bruce probierte die Bewegung erneut. Was zunächst ein Unfall gewesen war, wurde reproduzierbar und entwickelte sich schließlich zu einer Bewegung, mit der andere ihn wiedererkannten.

„Crash and Create“ beschreibt damit eine Haltung, in der der Fehler nicht zwangsläufig korrigiert oder versteckt werden muss. Er kann Material werden.

Die entscheidende Frage lautet dann nicht:

Wie kann ich diesen Fehler vermeiden?

Sondern:

Was passiert, wenn ich genau diesen Moment untersuche?

Kann ich ihn wiederholen? Kann ich ihn kontrollieren? Kann ich ihn verändern? Kann ich ihn so in meine eigene Bewegungssprache integrieren, dass aus dem Unfall eine Entscheidung wird?

Diese Haltung verschiebt auch die Vorstellung von Originalität. Neues entsteht nicht unbedingt dadurch, dass sämtliche bestehenden Bewegungen verlassen werden. Häufig entsteht es durch Remix, Reorganisation und kleine Veränderungen bereits vorhandenen Materials.

Ein Winkel verändert sich. Ein Übergang wird anders gesetzt. Eine bekannte Bewegung wird mit einem anderen Rhythmus, einer anderen Qualität oder einer anderen körperlichen Logik verbunden.

Die Differenz kann klein sein – ihre Wirkung jedoch grundlegend.

Nicht alles Neue wird bewusst gesucht

Auch im Gespräch mit JB beziehungsweise John Smith taucht die Vorstellung auf, dass eigene Signatures nicht zwangsläufig aus einem bewussten Plan entstehen.

Er beschreibt mehrere seiner Bewegungen als Resultate von Stürzen, unerwarteten Handpositionen oder Abweichungen, die während des Tanzens entstanden. Erst im Nachhinein wird sichtbar, dass darin etwas Eigenes liegt.

Noch grundsätzlicher wird seine Haltung, wenn wir über Originalität sprechen.

Für JB muss ein Mensch seine Individualität nicht zuerst durch möglichst ungewöhnliche Bewegungen beweisen. Jeder Mensch bringt bereits etwas Eigenes mit.

Über das bloße Kopieren einer anderen Person sagt er:

„T’es une personne originale.“ («Du bist ein origineller Mensch.“)

Und etwas später:

„Un être humain […] c’est un être quand même assez créatif.“ („Ein Mensch ist schließlich ein ziemlich kreatives Wesen.“)

Gerade deshalb erscheint ihm eine exakte Reproduktion wenig interessant. Wenn wir als Menschen ohnehin unterschiedlich sind und über die Fähigkeit verfügen, selbst zu entwickeln und zu verändern, weshalb sollten wir versuchen, uns möglichst genau wie jemand anderes zu bewegen?

Unter dieser Perspektive bedeutet die Entwicklung eines eigenen Stils vielleicht weniger, permanent nach Neuheit zu suchen.

Es geht vielmehr darum, vorhandenes Wissen durch den eigenen Körper, die eigenen Erfahrungen und die eigene Wahrnehmung hindurchgehen zu lassen – und ihm genügend Raum zu geben, sich zu verändern.

Originalität wird damit nicht nur produziert. Sie kann auch freigelegt werden.

Vom Signature Move zum Signature Mode

Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob sich eine Signature überhaupt immer auf einen einzelnen Move reduzieren lässt.

Feel verschiebt diese Vorstellung deutlich. Für ihn geht es weniger darum, zwischen Signature Moves und anderen Bewegungen zu unterscheiden.

„You are in the signature mode.“ («Du bist im signature mode.»)

Alles, was eine Person tut, kann demnach von ihrer persönlichen Art, Bewegung zu organisieren, geprägt sein.

Eine charakteristische Handschrift zeigt sich dann nicht nur in einem spektakulären Move, sondern ebenso in Rhythmus, Timing, Übergängen, Haltungen, Formen und in der Art, wie einzelne Bewegungen miteinander verbunden werden.

Feel benutzt dafür das Bild der Schrift.

Er vergleicht seine Art, Bewegung zu entwickeln, mit hieroglyphischer Schrift. Ein einzelnes Zeichen steht dort nicht zwangsläufig nur für ein einzelnes Wort. Es kann einen größeren Zusammenhang, eine Situation oder mehrere Bedeutungen zugleich tragen.

Ähnlich betrachtet er Breaking:

„It’s less about single moves. It’s a sequence […] like hieroglyphic writing.“

(„Es geht weniger um einzelne Moves. Es ist eine Sequenz […] wie eine hieroglyphische Schrift.“)

Entscheidend ist also nicht nur das einzelne Zeichen, sondern die Art, wie Zeichen miteinander kombiniert werden.

Übertragen auf Bewegung bedeutet das: Ein einzelner Move kann charakteristisch sein. Die eigentliche Signature kann aber ebenso in den Beziehungen zwischen mehreren Bewegungen liegen – in einer wiederkehrenden Art, sie anzuordnen, zu verbinden und zeitlich zu strukturieren.

Feel spricht deshalb auch von Signature Patterns.

Die Analogie zur Handschrift wird hier besonders deutlich. Zwei Personen können dieselben Buchstaben verwenden und trotzdem vollkommen unterschiedlich schreiben. Nicht das Alphabet allein macht die Handschrift aus, sondern die Art, wie Linien geführt, Abstände gesetzt, Formen verbunden und Rhythmen organisiert werden. Und vor Allem, was gesagt wird.

Systeme statt fertiger Bewegungen

Eine weitere Perspektive eröffnet Link mit seiner Arbeit über sogenannte Matrices.

Statt ausschließlich feste Sequenzen zu entwickeln, arbeitet er mit Bewegungssystemen: Strukturen, innerhalb derer unterschiedliche Entscheidungen und Kombinationen möglich werden.

Eine Signature muss unter diesen Bedingungen nicht als einzelne, unveränderliche Form entstehen.

Sie kann auch aus einem System hervorgehen, das immer neue Variationen produziert und trotzdem eine erkennbare persönliche Logik trägt.

Damit erweitert sich der Begriff von Autorschaft erneut. Die persönliche Handschrift liegt möglicherweise nicht nur in einer bestimmten Bewegung, sondern auch in den Regeln, Beziehungen und Möglichkeiten, aus denen Bewegungen hervorgehen.

Originalität entsteht nicht aus dem Nichts

Diese unterschiedlichen Geschichten lassen sich nicht auf eine einzige Methode reduzieren – und genau darin liegt ihre Bedeutung.

Ein Signature Move kann aus einem Fehler entstehen. Aus bewusster Forschung. Aus einer Transformation vorhandener Bewegungen. Aus Wiederholung. Aus improvisatorischen Systemen. Oder aus einer persönlichen Bewegungshaltung, die sich über Jahre entwickelt.

Was dabei jedoch immer deutlicher wird:

Originalität bedeutet nicht, etwas vollkommen losgelöst von allem Vorhergehenden zu erschaffen.

Breaking ist eine Kultur der Weitergabe. Bewegungen werden gesehen, gelernt, geteilt und von Körper zu Körper übertragen. Jeder Tänzer und jede Tänzerin arbeitet innerhalb einer Geschichte, die bereits begonnen hat.

Die entscheidende Frage ist deshalb vielleicht nicht, ob eine Bewegung Einflüsse besitzt.

Sondern was mit diesen Einflüssen geschieht.

Wann wird aus Lernen Transformation? Wann wird aus einer Variation eine eigene Form? Wann wird aus einem zufälligen Moment etwas Wiedererkennbares? Und welche Rolle spielt dabei die Community, die eine Bewegung beobachtet, benennt, erinnert und irgendwann mit einer bestimmten Person verbindet?

Die Gespräche zeigen, dass dafür keine allgemeingültige Formel existiert.

Aber sie zeigen auch, dass eine Signature kaum in einem einzigen Augenblick entsteht.

Sie entwickelt sich zwischen Zufall und Entscheidung, zwischen Einfluss und Transformation, zwischen Wiederholung und Veränderung – und zwischen der Person, die sich bewegt, und den Menschen, die darin etwas Eigenes erkennen.