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Low Eyes & Loopholes

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Performance Architektur Dialoge | 2025
Foto: Raphaela Graf

Eingemummt im Kapuzenpulli entsteht eine Art Höhle, wörtlich und im übertragenen Sinn, für den eigenen Geist und Körper. Der Blick bleibt auf den Boden gerichtet, damit die Ablenkung minimal bleibt. Ich kenne das auch aus dem Alltag: Wenn auf meinem Handy Werbung auftaucht, schaue ich seit Jahren bewusst weg, um nicht abgelenkt und am Ende manipuliert zu werden. Denn die eigene Aufmerksamkeit zu lenken ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Fähigkeiten in der heutigen Zeit.

Der Kapuzen-Look ist inzwischen in der Breaking-Szene ein eigener Trend geworden, halb Haltung, halb Pose. Mich interessiert, was dahinter liegt: eine Aufmerksamkeit, die ganz bei der eigenen Bewegung und bei sich selbst ist.

Loopholes sind das, was mich an Breaking Styles immer angezogen hat: unerwartete Momente, in denen eine Bewegung anders weiterschwingt als gedacht. Sie wirken fast wie ein Glitch in der Wahrnehmung und brechen die Erwartung.


Die Sphäre um den Körper

Mein Breaking war immer von Formen und Linien geleitet. Wenn ich im Flow bin, spüre ich eine Sphäre um mich. Man kann sie sich vorstellen wie Leonardos vitruvianischen Menschen (die Proportionen dahinter hat schon der römische Architekt Vitruv beschrieben): ein Körper mit ausgestreckten Armen, eingeschrieben in Kreis und Quadrat. Der Mittelpunkt ist die Mitte meines Körpers, ungefähr beim Bauchnabel. Die Sphäre reicht so weit, wie mein Körper lang ist, manchmal ist sie kleiner und manchmal reicht sie bis an die Wände des Raums. Darin sehe ich keine fertigen Bilder. Ich spüre Muster und Formen, die sich über Jahre ins Muskelgedächtnis eingeschrieben haben, und bewege mich intuitiv in ihnen.

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Vom Boden aufs Blatt

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Foto der AUE-Performance 2021 (Foto: Cedric Christopher Merkli)

Die Arbeit begann gross: mit dem ganzen Körper und Leinwänden am Boden. Nach dem vitruvianischen Prinzip habe ich drei Werkzeuge gebaut, ein Rechteck, einen Kreis und ein Dreieck, so gross wie die Abstände zwischen den grossen Drehachsen des Körpers. 2021 habe ich die Methode im Neubau des Amts für Umwelt und Energie in Basel als Performance gezeigt. Als Antwort auf die Architektur wurden Liftschacht und Treppenhaus zu einem temporären Ausstellungsraum. In einer Stunde habe ich drei Leinwände am Boden bezeichnet und jede direkt danach im Liftschacht hochgezogen, bis der ganze Schacht bespielt war. Die Installation, die dabei entstand, hat das Amt anschliessend angekauft.

Ebenfalls 2021 fragte The Studio 413 in Glasgow nach einer Arbeit für eine Ausstellung darüber, wie man während der Pandemie in Berührung bleibt: ein Werk, in dem Berührung sichtbar, lesbar und spürbar wird. Da ist die Bewegung vom Boden aufs Blatt gewandert, vom ganzen Körper in die Hände.

Dahinter stand auch eine persönliche Obsession. Ich wollte im Breaking besser werden und trainierte oft stundenlang, bis zur körperlichen Erschöpfung. Der Körper war fertig, der Kopf wollte weiter. Also suchte ich eine Methode, mit der ich auch danach noch trainieren konnte. Der Antrieb ist geblieben, der Massstab hat sich verändert. Früher zählte am Ende des Tages vor allem, wie ausgelaugt ich war. Heute frage ich: Was ist entstanden? Wie gut war der Prozess? Wie inspiriert war ich, und konnte ich es geniessen?


Die Sphäre vor der Brust

Beim Zeichnen zieht sich die Sphäre zusammen. Die ganze Aufmerksamkeit liegt im Raum vor meiner Brust. Ich komme in einen Zustand, der einer Meditation ähnelt. Halb gesehene, halb gefühlte Bilder verbinden sich direkt mit dem Muskelgedächtnis und mit drei Werkzeugen: der Hand, dem Geodreieck und dem Bleistift. Im Flow übersetzen sie sich aufs Papier, ohne Umweg über das Denken. In diesem Zustand verschwimmt die Grenze des Körpers. Der Architekt Juhani Pallasmaa beschreibt in «The Thinking Hand», wie ein Werkzeug, das man lange genug führt, zu einem Teil der Hand wird: Man denkt nicht mehr an den Stift, man denkt mit ihm. So geht es mir mit Geodreieck und Bleistift. Die Hand ist dabei grösser, als sie aussieht. „Das äussere Gehirn des Menschen“ soll Kant sie genannt haben. Im Gehirn nehmen die Hände einen überproportional grossen Teil der Flächen ein, die Bewegung und Tastsinn steuern. Hand und Gehirn haben sich in der Evolution gegenseitig geformt. Man kann sich die Hand vorstellen wie einen Baum, dessen Wurzeln bis tief in den Körper und ins Gehirn reichen. Deshalb ist das kleine Format für mich keine Verkleinerung. Ich trainiere dieselben Muster, Denkweisen und Formen wie im Breaking, nur verdichtet auf diese Sphäre. Die Wege im Nervensystem werden dabei schon eingeübt. Später lassen sie sich vermutlich mit wenig Aufwand auf den ganzen Körper übertragen.


94 Zeichnungen, sechs Parameter

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Daraus ist 2023 das Werk Low Eyes & Loopholes entstanden, eine Serie von 94 Zeichnungen. Auf jedem Blatt steht unten links ein Stempel mit sechs Parametern: Konzept, Seite, Zentrum, Bewegung, Song und Dauer. Die Werte dazu trage ich vor dem Zeichnen von Hand mit Bleistift ein. Innerhalb dieser Regeln improvisiere ich. Die Linien zeichnen wie ein Seismograph auf, wie sich die Parameter verändern.

Die Notizen im Stempel habe ich beim Zeichnen intuitiv gesetzt. Heute lese ich die Serie in zehn Konzepten: Loops, Stops, Degrees, Tension, Bars, Instant, Direction, Distance, Flow und Isolations. Viele davon kenne ich aus dem Training. Mit Loops, Isolations oder Direction arbeite ich im Breaking seit Jahren. Hier teilen sich Hand, Stift und Geodreieck, was sonst ein Körper allein macht

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Musik, die man nicht hört

Wenn auf dem Stempel ein Song steht, lief er beim Zeichnen in meinen Kopfhörern. Manchmal ging es darum, die Musik zu interpretieren: Akzente und Pausen auf die Takte, ein Kreis über acht Takte. Dann liest sich das Video wie Tanz. Manchmal war die Musik Atmosphäre, ein Verstärker für Spannung oder Flow. Es waren die Songs, die ich damals oft gehört habe, und sie haben mich in denselben Zustand gebracht wie im Breaking. Im Video hört man sie nicht. Du hörst nicht, was ich gehört habe. Aber du kannst es sehen. Und du kannst es nachholen: Deshalb steht der Titel im Stempel. Such den Song, spiel ihn ab und schau dazu das Video.

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Wo die Loopholes passieren

Die unerwarteten Momente entstehen im Tastsinn. Ein Finger drückt das Geodreieck aufs Blatt und hält es fest. Drückt der Bleistift von der Seite gegen die Kante, verschiebt sich dieser Druck ständig im Verhältnis zum Zentrum. Manchmal bricht die Linie dann in eine Richtung aus, die ich nicht geplant habe. Oder ich wechsle das Zentrum, ein anderer Finger wird zum Drehpunkt, und für einen Moment bin ich desorientiert. Genau dann schreibt sich das Unerwartete ein.

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Das Video gehört zum Werk

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Zu jeder Zeichnung gehört das Video ihrer Entstehung, von oben gefilmt. Vom Tänzer bleiben zwei Hände in weissen Gummihandschuhen, dazu ein Geodreieck, ein Bleistift und ein Blatt. Eigentlich trug ich die Handschuhe, damit das Graphit nicht verschmiert. Erst im Video habe ich gemerkt, dass sie mehr erzählen. Beim Zeichnen bin ich mit dem Zeichnen beschäftigt. Beim Anschauen, mit Abstand, ist der Kopf frei, um zu sehen und eine Geschichte daraus zu lesen. Jedes Medium kanalisiert eine andere Wahrnehmungsebene. Die Handschuhe erinnern an die Zeit der Isolation, und sie stellen die Hände in die Tradition der Pantomime, von Marcel Marceau bis zu Michael Jacksons weissem Handschuh. Und sie stehen für meinen analytischen Zugang: für das Forschen und Theoretisieren über Tanz, über Phänomene, die mit Intuition und Körper zu tun haben. Das Video ist nicht Dokumentation, sondern Teil des Werks. Die Zeichnung zeigt, was von der Bewegung geblieben ist. Das Video zeigt, was dabei verloren geht: die Zeit.


Was die Serie in meinem Training verändert hat

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Beim Tanzen kann ich mich nicht von aussen sehen. Beim Zeichnen liegt die Spur vor mir. Die Serie hat mir noch klarer gemacht, wie wichtig dieser Blick von aussen ist, um die eigene Sprache zu schärfen. Auf dem Blatt sehe ich, wie tief sich ein Ablauf schon eingeschrieben hat. Wo die Linie oft gefahren ist, wird sie dunkler, so wie ein Trampelpfad mit jedem Gang deutlicher wird und eine Verbindung im Nervensystem mit jedem Gebrauch stärker. Heute filme ich meine Sessions, schaue sie später an und sammle die Momente, die mich faszinieren. Was hängen bleibt, trainiere ich tiefer ein, Schicht für Schicht, wie Sediment. So konditioniere ich mich über meinen eigenen Blick statt über den von anderen.


Vergehen und Festhalten

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Wenn ich die Zeichnungen heute, drei Jahre später, wieder anschaue, spüre ich vor allem Ruhe und Klarheit. Wenig Mittel, eine klare Absicht. Diese Reduktion liebe ich bis heute. Für mich sind die Blätter auch eine Metapher: für eine klare Absicht, für die Konzentration aufs Wesentliche und für ein waches Gespür für Material, Berührung und die Spur, die wir als Menschen zurücklassen. Jede Zeichnung ist ein Unikat, die Spur einer einzigen Handlung, die sich so nicht wiederholen lässt.

Mit der Flüchtigkeit des Tanzes verbindet mich eine Art Hassliebe. Eine Bewegung existiert nur, solange sie passiert, und genau das macht sie so stark. In dieser Serie geht es um die Spannung zwischen Vergehen und Festhalten.

Im November biete ich 27 Werke aus der Serie online an, eine Auswahl aus den 94 Zeichnungen. Jedes Werk gibt es nur einmal. Auf der Warteliste hast du zwei Tage lang Zugang, bevor der Verkauf für alle öffnet, und zahlst 20 % weniger statt 10 %. Den Katalog schicke ich dir schon am Sonntag, 8. November.